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Das Schnabeltier
Das Schnabeltier, das Schnabeltier
vollzieht den Schritt vom Ich zum Wir.
Es spricht nicht mehr nur noch von sich,
es sagt nicht mehr: „Dies Bier will ich!“
Es sagt: „Dies Bier,
das wollen Wir!“
Wir wollen es, das Schnabeltier!
Robert Gernhardt1

 

Ein Platypus (Schnabeltier) ist ein eierlegendes und zugleich säugendes Kloakentier mit Schwimmhäuten und Giftspornen. Zwischen Vogel, Reptil, Amphibie und Säugetier widersetzt sich das Platypus als Heterodox biologischer Taxonomien der Klassifizierung. Es verleitet Darwin 1836 zur manichäischen Tagebuch-Notiz, es „müssen hier zwei verschiedene Schöpfer am Werk gewesen sein,2 während es in der Einleitung zum Film Dogma lediglich den Beweis von Gottes Humor abgibt.3 In Hegels Vorlesungen über die Ästhetik lautet die Bestimmung des Unschönen in der Natur am Schnabeltier, dass uns „Zwitterwesen, welche den Übergang von einer bestimmten Form zur anderen bilden und deren Gestalt vermischen, … unschön erscheinen, wie das Schnabeltier, das ein Gemisch von Vogel und vierfüßigem Tiere ist.4 Friedrich Engels bekam die Eier eines Schnabeltiers zu Gesicht, und verspottete als systematischer Denker, guter Hegelianer, Darwinist und Marxist den billigen Marketingtrick, korrigierte aber Jahrzehnte später seine Borniertheit: „Von dem Augenblick, wo wir die Evolutionstheorie akzeptieren, entsprechen alle unsre Begriffe vom organischen Leben nur annähernd der Wirklichkeit. Sonst gäbe es keine Veränderung;“ sodass er „nachträglich das Schnabeltier um Verzeihung bitten mußte.“5 Der Wiener Philosoph Fahim Amir stellt das Schnabeltier daher seinem Buch Schwein und Zeit (2018) voran: „die Taxonomien, die diese Tiere in Unordnung bringen, sind keine zoologischen, sondern politische.“6

Und im Falle des Klangkörpers Ensemble Platypus sind es die ästhetischen und kulturbetrieblichen Grenzen der Musik, die befragt werden. Der Frage, was das Platypus mit der Musik zu tun hat, widmet sich das Ensemble in der Aufführung von Werken, die die Selbstverständlichkeiten der Musik klingend befragen, sodass sich die Frage nach der Musik selbst musikalisch artikuliert. Diese Mission ist eng mit der Neuen™ und zeitgenössischen™ Musik verbunden, das Ensemble Platypus macht sie aber auch in Konstellationen alter Musik hörend erfahrbar sowie unabhängig und jenseits kulturindustrieller Brancheneinteilungen. Aus Wien bringt das Ensemble seit zehn Jahren den strengen musikalischen Zweifel auf die Bühnen nationaler und internationaler Veranstalter.7 Der musikalische Fokus, der die intensive Proben- und Konzerttätigkeit des Ensembles bestimmt, ist die Arbeit im Spannungsfeld zwischen unterschiedlichen Arten von Musik und Herangehensweisen an das gemeinsame Musizieren.


Jim Igor Kallenberg (2023) 


1 Robert Gernhardt, „Das Schnabeltier“, GesTammelte Friften 069, 1968.

2 Charles Darwin, „Die Verwesung der Sparten“, Athen 2080.

3 Dogma (1999), Dir.: Kevin Smith

4 G. W. F. Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik I. Frankfurt am Main 1970, S. 174.

5 Friedrich Engels, „Brief an Conrad Schmidt in Zürich, vom 12. März 1895“, MEW 39, Berlin 1968, 430 ff.

6 Fahim Amir, Schwein und Zeit, Hamburg 2018, S. 10.

7 Wien Modern, Reaktor Wien, Arnold Schönberg Center, dem Wiener Konzerthaus, den Musiktheatertagen Wien, Imago Dei (Krems), dem Festival Einhundert (Klagenfurt), dem Klangspuren Festival, dem London Ear Festival, dem Forum Neue Musik Wallis, der Bienal do Música Hoje in Curitiba/Brasilien, der IGNM, der ÖGZM, sirene operntheater, dem Österreichischen Komponistenbund (ÖKB) und dem österreichischen Label col legno, u.a. zusammen mit Konzerten in Österreich und vielen anderen Ländern, wie Argentinien, Bosnien, Brasilien, Deutschland, Großbritannien, Japan, Mexiko, Polen, Schweiz, Tschechien, Türkei und der Ukraine